Geradewegs zur Kreislaufwirtschaft? So will Europa Reparatur fördern
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Geradewegs zur Kreislaufwirtschaft? So will Europa Reparatur fördern

Die Europäische Kommission hat Anfang des Jahres einen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy Action Plan, kurz: CEAP) veröffentlicht, der den Weg für eine nachhaltigere Produktpolitik und Kreislaufwirtschaft in Europa ebnen soll. In Zukunft sollen Produkte wiederverwendbar, haltbar und reparierbar sein. Wird 2020 damit zur Sternstunde und Europa zum Vorbild für das Recht auf Reparatur? Wir haben uns angesehen, was in den Plänen steckt.

Wenn es existiert, ist es möglich

Erinnerst du dich an die Zeiten, in denen Benzin verbleit war? In denen Autos noch keine Sicherheitsgurte oder geregelte Katalysatoren hatten, Zigaretten ohne Gesundheitswarnung verkauft wurden und Lebensmittel ohne Nährwerttabelle? Kaum vorstellbar, aber lange war all das alltäglich.

Nach und nach brachte man die Lebensmittel-, Gesundheits- und Automobilbranche per Gesetz dazu besser mit der Umwelt, unserer Gesundheit und unserer Sicherheit umzugehen – zumindest in einigen Bereichen. Ebenso sollte es in der Elektronikbranche sein. Denn wie wir Geräte nutzen, reparieren und wegwerfen, hat enormen Einfluss auf die Umwelt und uns Menschen.

Laut einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage sind Umwelt- und Klimaschutz außerdem für mehr als 90% der europäischen Bürgerinnen und Bürger wichtig. Beides greift die EU im CEAP auf: Der Aktionsplan betrifft viele Aspekte des täglichen Lebens – darunter Kleidung, Baustoffe, Lebensmittel, Plastik und auch Elektronik. Er unterstreicht nicht nur die Wichtigkeit von Richtlinien, sondern ist geradezu eine Blaupause für das Recht auf Reparatur. Und all das in vollkommener Übereinstimmung mit den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung bis 2030.

Infografik mit Ergebnissen einer Eurobarometer-Umfrage
Die diesjährige Eurobarometer-Umfrage zeigt: Menschen möchten ihre Geräte länger nutzen. © repair.eu

Vor allem Elektroschrott wird immer mehr zum Problem: Jedes Jahr werfen wir Tonnen an Geräten weg, obwohl man sie noch reparieren, umrüsten oder als “Organspender” für andere Geräte nutzen könnte. Das ist kein Geheimnis und niemand, der sein altes iPhone oder einen Toaster mit Macken wegwirft, will die Folgen davon bewusst provozieren. Bisher aber fehlt eine rechtliche Grundlage, die dem in großem Stil vorbeugt. Der CEAP soll diese Grundlage schaffen.

CEAP im Check: Wie stark sind die Lösungsansätze der EU?

Problem 1: Ein kaputtes Gerät zu ersetzen ist oft billiger und einfacher als es zu reparieren.

Wie viele Anlaufstellen für den Kauf eines Produkts fallen dir ein? Und wie viele für die Reparatur einer Sache? Eben. Damit Reparatur eine attraktive Alternative zur Neuanschaffung ist, müssen Ersatzteile fair bepreist und leicht verfügbar sein – genau wie Reparaturanleitungen und -optionen. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten die Wahl haben zwischen Selbermachen, unabhängigen Reparaturgeschäften und offiziellen Angeboten vom Hersteller.

Im CEAP steht dazu: Um “sicherzustellen, dass Konsumentinnen und Konsumenten sich vor dem Kauf über die Haltbarkeit von Produkten inklusive ihrer Reparierbarkeit, Ersatzteile und Reparaturanleitungen im Klaren sein können”, will die EU “sie darüber informieren, wie und wo ein Produkt repariert werden kann”. Etwas schwammig, aber vielversprechend!

Problem 2: Moderne Geräte sind vieles, aber selten reparierbar.

Bis zu 80% der Umweltauswirkungen eines Geräts werden in der Designphase determiniert. Verklebte Akkus oder ungewöhnliche Schrauben sind längst Standard. Das erschwert Reparaturen, gibt Menschen das Gefühl Dinge nicht selbst aufschrauben zu können und erhöht Reparaturkosten. Doch schlankes Design hat für die meisten Hersteller eine höhere Priorität als Reparierbarkeit. Manche beweisen aber, dass das eine das andere nicht ausschließen muss. Gleich mehrere Geräte von HP glänzen mit hoher Reparierbarkeit trotz schmalem Formfaktor und Unternehmen wie Dell oder Lenovo bieten umfassenden Support für Fehlerdiagnosen und Reparaturen.

Eine verpflichtende Kennzeichnung der Reparierbarkeit, ähnlich dem neuen EN45554-Standardoder unserem Reparierbarkeits-Index, würde noch vor dem Kauf helfen festzustellen, ob ein Produkt gut reparierbar ist. Wissen darüber dürfte die Nutzungsdauer von Geräten deutlich steigern.

So will der CEAP eingreifen: Indem er wichtige nachhaltige Designparameter festlegt, darunter die “Haltbarkeit von Produkten, ihre Wiederverwendbarkeit sowie ihre Aufrüst- und Reparaturfreundlichkeit”. Auch ihre Ökodesign-Standards will die EU erweitern. Bisher wurden sie nur für Fernseher, Server und Haushaltsgeräte entwickelt; in Zukunft sollen Smartphones, Tablets und Computer hinzukommen. Das klingt aussichtsreich und wir sind gespannt, welche verpflichtenden Maßnahmen dazu kommen sollen.

Junger Mann repariert sein Handy
Auch das Design von Smartphones, Tablets und Laptops soll künftig kreislauf- und reparaturfreundlich sein.

3. Immer häufiger sind Geräte mit einwandfreier Hardware unbrauchbar, weil der Software-Support eingestellt wird.

Als Apple iPhones gedrosselt hat, damit ihre Akkus länger halten, haben sie ihren Kundinnen und Kunden nichts davon erzählt und damit für viel Verwirrung und Neuanschaffungen gesorgt. Als Sonos angekündigt hat den Support für ältere Produkte einzustellen, gerieten sie heftig in die Kritik. Und den Softwaresupport für Android-Geräte stufen Experten oft als viel zu schlecht ein. All das sind Gründe dafür, dass Menschen neue Geräte kaufen und die alten entsorgen, selbst wenn sie eigentlich noch gut funktionieren.

Das sagt der CEAP: Der CEAP stellt zu Recht fest, dass ein Gerät “an Wert verliert”, sobald die Software nicht mehr unterstützt wird. Deshalb soll das Recht auf Reparatur auch ein “Recht auf Updates für veraltete Software” beinhalten. Was genau das heißen soll, ist allerdings nicht näher beschrieben.

Unser Fazit

Insgesamt ist der Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft ein solider Nährboden, auf dem eine Kultur der Reparatur und Müllvermeidung gut gedeihen kann. Solange Hersteller wie Apple aber intensive Lobbyarbeit betreiben und wichtige Ansätze der EU wie den für einheitliche Ladegeräte anzweifeln, solange der starre Glaube an ökonomisches Business-as-usual bestehen bleibt, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Wir hoffen, dass die EU standhaft gegenüber einseitigen Industrieinteressen bleibt und ihre Vorschläge bald in ambitionierte Taten umsetzt. Letztlich sind Richtlinien und gesetzliche Regelwerke unabdingbar, um Hersteller zur Verantwortung zu ziehen und dafür zu sorgen, dass Geräte künftig nicht nur gut aussehen, sondern auch gut reparierbar und langlebig sind.

Bis es soweit ist, denk immer daran: Jedes Gerät, das du schon heute reparierst, setzt ein starkes Zeichen für diesen kleinen blauen Punkt, den wir unser Zuhause nennen.